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08. Oct. 2015
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08. Nov. 2016
Wo die Musi spielt

Wo die Musi spielt

Seinerzeit, wenn eine Zirkustruppe in die Stadt kam, dann machte sie mit einer bunten Parade auf sich aufmerksam und hatte dabei vorneweg einen auffällig dekorierten Wagen, auf dem eine Musikkapelle spielte – den „band wagon“. Dieses laute und auffällige Werbemittel war quasi das Geil-o-mobil des 19. Jahrhunderts. Und die damit verbundenen Effekte beschäftigen uns heute noch …

Der erste Präsidentschaftskandidat, der nachweislich auf einem „band wagon“ Wahlkampf machte, war Zachary Taylor, ein anerkannter Armeegeneral, der bis zu seiner Kandidatur nie politisch in Erscheinung getreten war – und dennoch gewählt wurde. In seiner Kampagne 1848 wurde Taylor vom damals sehr populären Entertainer und Clown Dan Rice auf dessen „band wagon“ eingeladen, was seinen Wahlkampfauftritten eine größere Aufmerksamkeit verschaffte. Nicht zuletzt wegen dieser Wirkung war der „band wagon“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts aus amerikanischen Wahlkämpfen nicht mehr wegzudenken.

Jumping on the bandwagon

Besuchte ein beliebter Kandidat eine Stadt, rissen sich lokale Politiker regelrecht darum, auf diesem Wagen mitfahren zu dürfen. „When I once became sure of one majority they tumbled over each other to get aboard the band wagon“ schrieb Teddy Roosevelt 1899. So wurde „jumping on the bandwagon“ im Englischen ein geflügeltes Wort dafür, sich – auch gegen die eigenen Präferenzen und Überzeugungen – auf die Seite des Erfolgs zu schlagen.

Im englischen Begriff „bandwagon effect“ finden wir dieses Bild heute immer noch. Was hierzulande meist als „Mitläufereffekt“ bezeichnet wird, geht von der Annahme aus, dass in uns allen der Wunsch steckt, Teil einer erfolgreichen Gruppe sein zu wollen und KandidatInnen, Parteien etc. deshalb umso mehr AnhängerInnen anziehen, je erfolgreicher sie wirken. Politischer „Erfolg“ ist in diesem Konzept also eine beinahe selbsterfüllende Prophezeiung: Wer für den Gewinner gehalten wird, hat bessere Chancen, zu gewinnen.

Don’t believe the hype

Doch laufen wirklich so viele WählerInnen dem „bandwagon“ hinterher und springen „auf den fahrenden Zug auf“, wie es bei uns wohl heißen würde? Der 2013 verstorbene Joe Napolitan, ein echter Wahlkampfhaudegen, der maßgeblichen Anteil daran hatte, den Begriff „political consultant“ in den USA zu etablieren (und damit als Urgestein der ganzen Branche gilt), hatte ernsthafte Zweifel daran.

Seine überaus lesenswerte Sammlung „100 things I have learned in 30 years as a political consultant“ ist gleichermaßen lehrreich wie unterhaltsam. Und darin widmet er dem „bandwagon effect“ gleich seine zweite Lektion mit einer sehr klaren Einschätzung: „There is no such thing as a bandwagon effect.“

„For years, in countries all over the world, including the United States, campaign workers have told me ‘people like to be with a winner; they will vote for the candidate they think will win’. Thereupon they proceed to release to the press poll reports showing their candidate ahead, in the misguided expectation that this information will cause the voters to line up behind their candidate. If anything, I have found the reverse to be true: the supporters whose candidate is perceived as behind are motivated to work harder, while those of the candidate seen to be ahead tend to get overconfident and lazy. Perhaps the most glaring example of this syndrome I know of was in Venezuela in 1978, where the candidate of Accion Democratica, Luis Pinerua Ordaz, ran double-page newspaper ads for two weeks before the election with banner headlines reading: ‘THE ELECTION IS OVER. PINERUA HAS WON’. Well, for Penerua the election was over: he lost. But the most interesting statistic was this: the turnout in that election was 5 percent lower than in the 1973 election, and the drop was greatest in areas of normal AD strength. Apparently Adecos believed their leader, so they stayed home. A costly lesson.“

Was Napolitan beschreibt, ist der demobilisierende Effekt einer Kampagne, die so stark ist, dass sie überheblich wird – und Überheblichkeit ist wohl immer eine Garantie für Niederlagen. Denn dem „bandwagon effect“ steht immer ein „Underdog-Effekt“ gegenüber – der den jeweiligen AußenseiterInnen dann zugute kommt, wenn es ihnen gelingt, die bestehenden Erwartungshaltungen zu durchbrechen (sprich: zu überraschen).

Deklarationsbereitschaft vs. Schweigespirale …

Eine Diskussion, die im Zusammenhang mit dem „bandwagon effect“ immer wieder aufkommt, ist die interessante Frage, ob und in welcher Form Umfragen das Wahlergebnis beeinflussen. In den USA wird dieser Punkt derzeit u. a. rund um die teilweise unerklärlich guten Umfragewerte von Donald Trump erörtert. Ein Teil von Trumps „Momentum“ ist schließlich dem Umstand geschuldet, dass er ein Sieger-Typ ist. Eine These lautet, dass Trump damit eher „politikferne“ WählerInnen beeindruckt – was zur Implosion seiner Kampagne führen könnte, wenn er den hoch gesteckten Erwartungen nicht gerecht wird.

Ich kann zu diesem Diskurs nur meine persönliche Einschätzung beitragen: Nach allem, was ich in Wahlkämpfen bislang erlebt habe, tendiere ich zur Haltung von Joe Napolitan – und glaube nicht, dass WählerInnen sich in ihrem Wahlverhalten daran orientieren, wer am wahrscheinlichsten gewinnt.

Es gilt meines Erachtens aber einen anderen, sehr ähnlichen und umso wichtigeren Aspekt in der politischen Kommunikation zu berücksichtigen: AnhängerInnen einer Gruppe/Partei, die von ihrem Erfolg überzeugt sind, haben eine höhere Bereitschaft, sich zu ihrem/ihrer KandidatIn bzw. Programm zu bekennen. Diese erhöhte „Deklarationsbereitschaft“ trägt dazu bei, dass bestimmte Argumente mehr Öffentlichkeit bekommen – und andere in den Hintergrund gedrängt bzw. ausgeblendet werden. Elisabeth Noelle-Neumann hat dieses Prinzip des sich selbst verstärkenden Meinungsklimas mit dem Begriff der Schweigespirale hinlänglich untersucht. Zumindest langfristige Dynamiken zur Bildung einer öffentlichen Meinung lassen sich damit gut erklären.

Im Gegensatz dazu gibt es aber nur wenige methodisch fundierte Erkenntnisse darüber, welche kurzfristigen Auswirkungen Meinungsumfragen auf unser Wahlverhalten haben. Ein Paradoxon ist beispielsweise, dass sich „politikferne“ Gruppen angeblich stärker vom „bandwagon effect“ beeinflussen lassen, Umfragen aber eher von politisch stärker involvierten Menschen wahrgenommen (und in ihrer Meinungsbildung berücksichtigt) werden.

Wenn es einen „bandwagon effect“ gibt, dann wohl eher unter den PolitikerInnen als den WählerInnen. Das passt dann auch wieder ganz gut zum Ursprung dieses Begriffs. Denn schließlich saßen dort oben auf dem „bandwagon“ oft jene, die lieber den Stimmungen der Mehrheit als der persönlichen Anschauung folgten. Und in einer Politik, die sich nur an Umfragen orientiert, lebt dieser Geist fort.

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